Erfolgreicher Abschluss des soziokulturellen Kunstprojektes in Worb mit Text von Marina Porobic, Kunsthistorikerin, Bern

Auf der Webseite wirinworb.wordpress.com  kann alles zum Kunstprojekt nachgelesen werden!Bei dieser Gelegenheit möchte ich nochmals allen Teilnehmenden herzlich danken!

Und: Ein Folgeprojekt ist in der Pipeline! Entsprechende Informationen werden in den nächsten Monaten folgen!

Hier der Text zum Projekt in Worb von Marina Porobic, Kunsthistorikerin, Bern

Wir hier in Worb: Kultur macht uns stark!

„Hinschauen — das tun wir oft schon gar nicht mehr (….) Die Spaziergangswissenschaft sucht den Ort und das Lebendige auf, versucht sich darin, das Betrachten wiederzuentdecken. Betrachten heißt, neue Blickwinkel erschließen, Sehweisen ausprobieren, Ungewohntes wahrnehmen, störende Elemente aufdecken, Fehler machen und bei sich selbst bemerken…“ [1]

Im Zentrum der künstlerischen Arbeit der in Biel lebenden Künstlerin Daniela de Maddalena steht der Mensch. De Maddalena ist aufmerksame Beobachterin und scharfe Kritikerin der gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Bewegungen und Entwicklungen der heutigen Zeit, welche sie auch in ihre Arbeit einfliessen lässt. Ihrer Praxis liegt der partizipative Ansatz zugrunde, der sich an der Schnittstelle zwischen Soziokultur und Kunst entfaltet, wo de Maddalena den autoreferenziellen ästhetischen Diskurs überwindet, um integrativ zu arbeiten. Ihre Arbeit wird von alltäglichen Themen aus allen Lebensbereichen durchdrungen und wirft Fragen zu ebendiesen zurück in die Gesellschaft, um neue Perspektiven darauf zu eröffnen. Die Künstlerin lässt Beteiligte / Zuschauende / Freiwillige zu Akteuren werden, welche sonst mit Kunst wenig oder gar nicht in Berührung kommen. Manchmal befremdend und irritierend, hat diese kommunikative Praxis vor allem das Ziel, den Alltag aufzubrechen, durch künstlerische Aktion den eigenen Ausdruck zu fördern und die Teilnahme an gesellschaftlich-politischen Ereignissen zu begünstigen. Nebst den gesellschaftlichen Fragen, stellt de Maddalena jedoch auch Fragen zum Kunstverständnis bzw. ihrem Verständnis der Autorenschaft, die sie als Künstlerin teilweise abgibt, indem sie den kreativen Prozess mit den Beteiligten teilt.

Daniela de Maddalena gewann im Jahr 2016 den Kunstschub, den der Verein Atelier Word KünstlerInnen für innovative, zukunftsweisende Projekte verleiht. Am Anfang des eingereichten Projektes „Wir hier in Worb: Kultur macht uns stark!“ stehen denn auch zwei Begegnungen.  Jene mit Bewohnerinnen und Bewohnern der beschaulichen, östlich von Bern gelegenen Ortschaft Worb und jene mit der kleinen Galerie Atelier Worb, die einen wichtigen Beitrag zur Förderung des lokalen Kunstschaffens leistet.

Die Worberinnen und Worber wurden eingeladen, de Maddalena einen Tag lang ihr Worb zu zeigen und dann in Workshops, das Erfahrene / Erlebte malerisch oder fotografisch umzusetzen. Es entstand ein Portrait des Dorfes mit seinen vielseitigen Bewohnerinnen und Bewohnern, aber auch mannigfaltige Portraits der Teilnehmerinnen und Teilnehmer, alle unterschiedlicher Herkunft, Altersgruppen, Berufe. Mit der Vielfalt der Personen geht eine Vielfalt der Materialen und Stile einher – eine Methode, welche de Maddalena als sensible Menschenkennerin auszeichnet, die den Beteiligten auf Augenhöhe begegnet.

Der Spaziergang – Querfeldein mit Daniela de Maddalena 

„Das Gewöhnliche wird in seiner Ungewöhnlichkeit ersichtlich, wenn man es so vorurteilslos erzählt bekommt wie hier“, schrieb die Neue Zürcher Zeitung in einer Rezension der „Spaziergänge“ von Franz Hohler.

Eine Beschreibung, die auch für Daniela de Maddalenas Projekt zutrifft, das als ein Langzeitprojekt über mehrere Phasen durchgeführt wurde – Recherche, Workshops und Ausstellung. Am Anfang der Begegnung mit den Beteiligten steht ein Spaziergang durch Worb. Diese Projektphase heisst denn auch Recherche: die Künstlerin lässt sich über Stock und Stein führen und ergründet mit jeder und jedem Teilnehmenden die Gegend. Mit Auto oder zu Fuss, bei jedem Wetter, lernt sie Worb kennen und kommt den Menschen nahe. Das Erlebte und Gesehene, das Neu- und Wiederentdeckte wird von beiden Seiten während des Spaziergangs fotografisch oder filmisch festgehalten. Das Angebot, sich künstlerisch mit der bekannten Umgebung auseinanderzusetzen, nehmen alle Teilnehmenden, egal welcher Herkunft, Altersgruppe oder Berufsstandes an. Damit gelingt de Maddalena eine Verschiebung der Wahrnehmung und der Perspektive. Das Beiläufige wird in den Fokus gerückt. Denn nun ist der Weg das Ziel. Wo für gewöhnlich die Spazierenden einfach vorbeiliefen, gilt es nun, dem Detail Beachtung zu schenken.

Jeder Spaziergang, jede zurückgelegte Strecke wird von einem GPS-Gerät aufgezeichnet. Später – für die Ausstellung – wird de Maddalena diese Aufzeichnungen exportieren und auf Plexiglasplatten drucken. Ein wenig erinnern diese Aufzeichnungen an jene des Protagonisten Daniel Quinn in Paul Austers „Stadt aus Glas“. Quinn zeichnet die nächtlichen Spaziergänge eines Mannes auf, den er verfolgen muss. Während sich seine Muster wiederholen und keinesfalls dem Zufall folgen, sich gar als konkrete Formen bzw. Buchstaben entpuppen, bleiben de Maddalenas Karten abstrakte, aber dennoch nicht zufällige Abbildungen, weil die der Individualität eines jeden Spaziergängers Ausdruck verleihen. Diese hintereinander auf Augenhöhe angeordnet zeichnen (topo)-grafisch die unterschiedlichen Wege durch Worb. Parallel zeigt sie de Maddalena auch als einzelne Karte an der Wand. Es sind individuelle Sichtweisen, die gleichzeitig ein ganzes Beziehungsgeflecht der Worberinnen und Worber spinnen und wortwörtlich Schnittstellen aufweisen. Symphonia, der poetische Name dieser Arbeit, unterstreicht den Anspruch, aus mehreren Ansichten ein (Gesamt-)Bild zu schaffen.

Die Workshops – eine Begegnung mit dem Anderen

 De Maddalenas Projekt geht von der Annahme aus, dass der Mensch sich dann dem Fremden öffnet, wenn er sich selbst nicht mehr fremd ist. Der Spaziergang dient demnach dem Kennenlernen und Wertschätzen des Ich und der eigenen Umgebung. In einer zweiten Projektphase, in der sich alle TeilnehmerInnen und Teilnehmer mit Daniela de Maddalena in den Workshops trafen und die Eindrücke nun auch malerisch und zeichnerisch umgesetzt wurden, fand die Begegnung mit dem Anderen statt. Menschen, die zwar das selbe Gebiet bewohnen, sehen sich zum ersten Mal, sprechen sich zum ersten Mal und teilen schon eine Erfahrung: jene des Spaziergangs. Diese gemeinsame Erfahrung ist fruchtbarer Boden, um das Gefühl einer Community aufkommen zu lassen, den Anderen aufgrund dieses gemeinsamen Erlebnisses nicht als den Fremden anzuschauen. Gleichzeitig ging es in den Workshops auch darum, sich selbst zu überwinden und die Möglichkeiten der eigenen Kreativität auszuloten. Es ging ums Wagen, Ausprobieren und Teilen und schlussendlich um das Bewusstsein zu stärken.

Die Ausstellung – Worb durch mehrere Blickwinkel

 Der letzte Teil des Langzeitprojekts „Wir hier in Worb: Kultur macht uns stark!“ ist eine Begegnung auf künstlerischer Augenhöhe in der Galerie Atelier Worb. Darin verarbeitet Daniela de Maddalena die Erfahrungen der Recherche und der Workshops zu einem Gesamtkunstwerk, das ihre eigene künstlerische Tätigkeit und jene der Projektteilnehmerinnen und Teilnehmer zu einem Ganzen vermengt. Ihre eigene Sichtweise, ausgedrückt mit der für sie charakteristischen Bildsprache, schafft durch die angewandte Maltechnik – Öl auf Dibond – einen klaren Bezug zum Ort und ergänzt die Sichtweisen der Worb-Bewohnerinnen und Bewohner. Sie greift darin das Thema der Kartografie wieder auf indem sie Gemälde auf Karten, auf welchen die Wasserkanäle Worbs ersichtlich sind, schafft.  Auch hier gelingt es de Maddalena formal und inhaltlich durch den Rückgriff auf Nebensächlichkeiten und Gewohntes – einer Kuh zum Beispiel – nicht nur das klassische Genre der Landschaftsmalerei zu überwinden, sondern auch subtil, die Geschichte des Ortes offenzulegen. Worb konnte sich nämlich über mehrere Jahrzehnte lang auf eine zuverlässige Wasserversorgung verlassen, die allmählich versagte, weil die Grundwasserkanäle durch Bauerhöfe verschmutzt wurden. Das Wasser, als wichtiger Rohstoff für Worb, ist denn auch Thema der Arbeit „Kopfbilder“, einer Art Kammer, in der die Besuchenden lediglich alltägliche Geräusch, darunter das Rauschen des Wassers vernehmen. Diese Geräusche evozieren eigene Bilder und Assoziationen, rufen Erinnerungen an Vertrautes hervor.

Des Weiteren sind in der Ausstellung nebst der Arbeit „Symphonie“ weitere Arbeiten zu sehen, die insbesondere durch die Intensität des Interesses der Künstlerin am Menschen, den Teilnehmerinnen und Teilnehmern bestechen. So eine Videoprojektion der Hände aller Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Ein spannender Ansatz, den die Künstlerin wählt, denn die Hand und die Symbolik des Gestus haben nicht nur kunsthistorisch eine lange Geschichte. Die Hand macht die Künstlerin zu dem was sie ist, sie ist ihr Instrument und gleichzeitig Trägerin der Geschichte eines jeden Lebens. Ebendiese Geschichten, die in dieser Videoinstallation angedeutet werden, konkretisieren sich in einer raumfüllenden dreiteiligen Klang-Installation aus einerseits Gegenständen, welchen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts eine besondere Bedeutung zusprechen. Erinnerungen an die Kindheit, an Verstorbene, an Flucht, an Reisen und Freunde, respektvoll angeordnet, erinnern dennoch an ein Kuriositätenkabinett und lassen nur ansatzweise die Lebensgeschichten, die dahinterstecken, erahnen. Andererseits sind da die Erzählungen, ein sanfter Klangteppich, der den Objekten eine Stimme verleiht und ihre Geschichte ergänzt. Der dritte Teil, eine dazugehörige Publikation verdeutlicht diese ein weiteres Mal. Nach und nach verweben sich einzelne Element individueller Geschichten zu einer Erzählung, jener der Bewohnerinnen und Bewohner Worb.

Daniela de Maddalenas Interesse für gesellschaftspolitische Fragen, ihre Auseinandersetzung mit aktueller weltpolitischer Lage sowie ihre Betroffenheit ob der Missstände kulminieren in der Arbeit Mahnmal, die den Garten der Galerie bestimmt: ein hoher Turm aus in schwarzer Plastik verpackter Kleider, für den Tramsport bereitgestellt, ruft die aktuellen Migrationsströme in Erinnerung, befragt die eigene Rolle in der Gesellschaft und spielt auf das Gefühl der Machtlosigkeit, das uns nicht selten beschleicht angesichts der undurchsichtigen, ambivalenten Flüchtlingspolitik.

Mannigfaltig sind die Themen, welche sich durch das Projekt „Wir hier in Worb: Kultur macht uns stark!“ ziehen, ebenso vielfältig sind die aufgeworfenen Fragen, welche immer zwischen Gesellschaftspolitik und Kunst oszillieren. Die Kunst hat für Daniela den Maddalena einen klaren Auftrag. Sie ist inklusiv, sie ist auch Ausdruck der Auflehnung und ein Mittel zur Befähigung der gesellschaftspolitischen Teilhabe. Dafür steht auch ihre Methode der geteilten Autorenschaft und der Öffnung der Kunsträume, die mit der Erleichterung des Zugangs zur Kunst für alle Bevölkerungsschichten einhergeht. Ein durchwegs demokratischer Ansatz, der jeder Stimme Geltung verschaffen möchte.

[1] (Luzius Burckhardt, aus: Kulturbeutel, Organ der Spaziergangswissenschaft, Uni Kassel 1993)

 

 

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